Fast-Kunde im Tiefflug
Die lieben Kunden haben heute mal wieder was für ihren Ruf getan. Nach einem ziemlich oberflächlichen Briefing habe ich mich – Schande, Schande – doch dazu hinreissen lassen, der Konkurrenz-Präsentation zuzusagen. Aber das Thema war auch gar zu verheissungsvoll. Ein Messestand zum Thema Gewässerschutz.
Ich präsentiere also mal schnell 30 Minuten mit allem Schnick-Schnack wie animierte 3D-Modelle für das Standkonzept, wohlausgefeilten Argumenten und Strategien. Ein ausgereiftes Standkonzept mit vielen Überlegungen, wie den unlustigen Besuchern das Thema Gewässerschutz näher gebracht werden könnte eben.
Von Anfang an ist klar, dass die detaillierten Inhalte, im Rahmen der Realisation, noch definiert werden müssten. Also konzentrieren wir uns auf Raumkonzept und Medienformen.
18 Videoreportagen von verschiedenen Standorten am Fluss lassen nun wirklich alle Inhaltlichen Möglichkeiten offen. Dazu ein interaktives Abstimmungs-Modul mit Feedback-Funktion und Anlock-Charakter.
Die Gesichter werden langsam immer müder, einer der Herren ist schon nach Minuten dem Schlaf nahe. Doch das freundliche und bestätigende Nicken der Kommunikationsfachfrau bestärkt mich im Präsentationsfluss. Nachträglich stellt sich heraus, dass es wohl eher Mitleid war.
Die Erste Frage aus dem Kreis der Entscheider:
«Denken Sie, dass das mit den vielen Bildschirmen auch was für Menschen ab 50 ist? Das sind nämlich die, die Messe in erster Linie besuchen»
Mein Votum, dass ja auch über 50. jährige noch Fernsehen, wird mit gnädigem Nicken entgegen genommen. Dann kommt auch schon der nächste Hammer:
«Denken Sie nicht, dass Sie da das Budget etwas sehr optimistisch gerechnet haben?»
Ich glaub mich tritt ein Pferd. Seit wann machen sich meine Kunden Sorgen, ob ich mit dem Budget zurecht komme? Schliesslich ginge es ja auch darum, möglichst viel Leistung für das Geld zu erhalten. Oder hab ich da was falsch verstanden!?
Noch zwei drei kleine Nachfragen, dann werden wir mit Dank entlassen – selbstverständlich ist man nun im Besitz einer schriftlichen Doku von doch fast 20 Seiten.
Keine 7 Stunden später kommt schon der Anruf:
K: … War interessant… alle waren interessant… leider diesmal nicht… – Stille –
der Mensch wartet, dass ich ihn mit einem einsichtigen «Schade» in den Feierabend lasse.
aber Ich: Warum?
K: «Äääh… wir glauben ääähhh… dass Ihr Know-how in Sachen GEWÄSSERSCHUTZ nicht reicht… dass wir da zu viel Ar… ehm zurechtbiegen müssten.»
OK, Ich gestehe, ich bin glatt davon ausgegangen, dass sie die Experten für GEWÄSSERSCHUTZ seien und wir die für die Kommunikation. Na ja, kleines Missverständnis halt…
War ja nur zwei Wochen Arbeit und ein versautes Weekend gggg.
Aber so wird man wieder schlauer:
- Keine Präsentationen ohne Honorar: ich schwöre
- Keine schriftlichen Briefings ohne mündliche Ergänzung!
- Vorsicht bei lausigen Briefings – klären ob sie nur nicht schreiben können, oder ob sie wirklich nicht wissen was sie wollen
- Wenn schon bei Bundesämtern präsentiert werden muss, unbedingt ein fixfertiges Konzept mit mindestens 4 fertig gestalteten Plakaten (aus der Abschrift des letzten Leitbilds) und der Zusicherung, dass es im Rahmen der Realisation sicher nicht mehr als eine einzige Sitzung brauche.
Add comment September 10th, 2005